Über vorschnelle Annahmen, Kritikfähigkeit und die Frage, warum wir einander so selten Zeit lassen

Kritik ist nicht das Problem, Unterstellungen aber schon. Mein nachdenklicher und persönlicher Blick auf Dialoge, Erwartungen und vorschnelle Urteile.

Warum Annahmen oft mehr sagen als Kommentare

Manche Kommentare wirken bei mir länger nach als andere. Nicht, weil sie besonders hart oder verletzend wären; sondern weil sie etwas sichtbar machen, das mich schon länger beschäftigt: Unsere vorschnelle Bereitschaft, anderen Motive zuzuschreiben – noch bevor sie überhaupt reagieren konnten.

In den letzten Monaten gab es zwei Situationen, die genau das in mir angestoßen haben. Auf den ersten Blick hatten sie nichts miteinander zu tun, es ging um unterschiedliche Themen, unterschiedliche Menschen und unterschiedliche Kontexte. Und doch drehte es sich in beiden Fällen um denselben Punkt: Die Annahme, wie ich mich vermutlich verhalten würde.

„Die Kommentare werden natürlich nicht freigeschaltet.“
„Sie müssen mich nicht blockieren, ich melde mich selbst ab.“

Beide Sätze hatten etwas so Endgültiges. Sie ließen keinen Raum für eine andere Möglichkeit, für ein anderes Verhalten und gar nicht für einen Moment des Abwartens.

Was mich daran nachdenklich macht, ist nicht die Kritik an sich. Ich finde Kritik gut und wichtig. Sie darf dabei auch unbequem sein, sie darf reiben und sie darf unterschiedliche Sichtweisen offenlegen. In beiden Fällen war diese Kritik sachlich formuliert, nachvollziehbar, und meines Erachtens auch respektvoll formuliert. Deshalb war es für mich klar, sie zuzulassen und darauf zu reagieren. Vielleicht hat mich deshalb die Unterstellung getroffen.

Denn sie erzählt eine Geschichte, die mit meinem tatsächlichen Handeln nichts zu tun hatte (denn ich hatte ja noch gar keine Möglichkeit zu reagieren) – aber offenbar mit Erwartungen, die sich über viele Begegnungen mit anderen hinweg aufgebaut haben.

Vielleicht ist das ein Zeichen unserer Zeit. Weil wir, egal ob auf Social Media oder im privaten Umfeld, zu oft erleben, dass andere Sichtweisen und kritische Stimmen gelöscht, ignoriert oder abgewertet wurden. Dass Dialoge abgebrochen statt geführt werden. Dass Kritik als Frontalangriff gelesen wird – und nicht als Einladung zum Austausch.

Und trotzdem frage ich mich, was das mit uns macht. Was passiert, wenn wir immer schon davon ausgehen, dass unser Gegenüber (ob jetzt von Angesicht zu Angesicht oder virtuell) defensiv reagieren wird? Wenn wir vorsorglich auf Abstand gehen, statt einfach mal abzuwarten, was passiert? Wenn wir Brücken einreißen, bevor jemand überhaupt die Chance hatte, den ersten Schritt darauf setzen?

In beiden Situationen habe ich mich bewusst anders entschieden: Ich habe gelesen. Zugelassen. Geantwortet. Und in einem Fall sogar weiter eingeladen, den Gedanken gemeinsam zu vertiefen. Nicht, weil ich selbst immer alles richtig mache. Sondern weil ich glaube, dass Diskurs nur dann möglich ist, wenn wir dem Gegenüber zutrauen, erwachsen und reflektiert zu reagieren – selbst dann, wenn wir uns nicht einig sind.

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem wir wieder ansetzen dürfen. Nicht bei der Frage, wie Kritik formuliert werden sollte, sondern bei der Frage, was wir einander zutrauen. Traue ich Dir zu, meine Kritik auszuhalten; innezuhalten statt sofort abzuwehren oder auch einfach nur anders zu handeln, als ich aus frühreren Erfahrungen erwarte?

Ich merke bei mir selbst, wie leicht es ist, in alte Muster zu rutschen und wie schnell das Gehirn Geschichten erzählt:
„Das wird eh gelöscht.“
„Darauf kommt bestimmt keine Antwort.“
„Das führt zu nichts.“

Und ich frage mich immer öfter: Was wäre, wenn wir diesen Geschichten einen Moment lang nicht glauben würden? Vielleicht müssten wir nicht weniger urteilen, sondern einfach nur langsamer. Vielleicht müssten wir nicht leiser werden, sonder nur geduldiger. Und vielleicht entsteht Dialog genau dort, wo wir der anderen Person einen kleinen Vertrauensvorschuss geben, auch wenn es uns schwerfällt …

Ich weiß nicht, ob wir damit alle Missverständnisse verhindern können. Wahrscheinlich nicht – aber vielleicht können wir ein paar davon vermeiden. Und vielleicht reicht das schon, um wieder mehr Türen und Räume zu öffnen, statt sie vorsorglich zu schließen.

Für mich ist dies tatsächlich der erste Artikel, indem ich so meine Gedanken teile, deshalb interessiert mich auch Deine Perspektive: Wie gehst Du mit Kritik um – und was brauchst Du, um Dich auf einen echten Austausch einzulassen? Wenn Du magst, lass uns darüber gerne in den Kommentaren ins Gespräch kommen 😊

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Britta Just lächelt verschmitzt in die Kamera.
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4 Kommentare

  1. Hi Britta, ich teile Deine Einschätzung zu Kommentaren 100%ig. Habe auch eine Freundin, die mir immer mit neuen Gedanken zu einem Sachverhalt, den ich angesprochen habe, schnell aus ihrer (und hier meint sie oft richtigen)Sicht weiterführt oder ergänzt. Neben tollen Gesprächen führt mich das oft zu Selbstreflexion und Überarbeitung meiner eigenen Kommunikation. Finde das täte uns allen gut!
    Herzliche Grüße Sabine

    1. Hallo Sabine,

      vielen Dank für Deinen Kommentar.

      Ich mag Deinen Gedanken sehr, dass solche Gespräche nicht nur Austausch sind, sondern auch zur Überarbeitung der eigenen Kommunikation führen können. Genau darin sehe ich viel von dem, was ich meine: Kritik und Ergänzung nicht als Korrektur, sondern als Möglichkeit, gemeinsam klarer zu werden.

      Ich denke bei dem Thema auch oft an das Bild (https://knowyourmeme.com/photos/2779993), bei dem eine Zahl auf dem Boden liegt; für die links stehende Person sieht es aus wie die Zahl Sechs, für die rechts stehende, weil am anderen Ende, wie die Zahl Neun und beide streiten jetzt darüber, wer recht hat.

      Liebe Grüße

  2. Liebe Britta,
    danke für deinen nachdenklichen und inspirierenden Artikel.
    Das Tempo rausnehmen, um wirken zu lassen, sich eine Meinung zu bilden und in Ruhe ins Gespräch/den Dialog zu kommen finde ich einen guten Ansatz in dieser schnelllebigen Zeit voller zu schnellen (Vor-)Urteile.
    Liebe Grüße,
    Susanne

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