Mein Portuversary: Wie 2016 ein Flug nach Lissabon mein Leben in ein Vorher und Nachher geteilt hat

Mein Portuversary: Wie ein One-Way-Ticket nach Lissabon 2016 mein Leben auf den Kopf gestellt hat – und aus einem Sabbatical mein neues Leben am Meer wurde.

Es ist Sonntag, der 29. Mai 2016, irgendwo über Frankreich. Ich sitze auf meinem Fensterplatz im Germanwings Flieger 4U 2604 von Stuttgart nach Lissabon und vor mir stehen ein Pappbecher und ein Piccolo Sekt. Gerade habe ich damit angestoßen – mit mir selbst, auf mein Abenteuer. Was ich in diesem Moment noch nicht ahne: Dieser Flug wird der Strich, der mein Leben in ein Vorher und ein Nachher teilt.

Hinter mir liegen ein gekündigter Traumjob, eine aufgelöste Wohnung und ein Leben verpackt in 60 Umzugskartons, die jetzt in der Garage meiner Mutter lagern. Vor mir liegen sechs Monate Sabbatical – so zumindest der Plan. Dass aus diesen sechs Monaten nie wieder ein Zurück werden würde, weiß ich an diesem Tag mit dem Piccolo in der Hand noch nicht.

Inhalt

Wie sah mein Leben vor dem Aufbruch aus?

Um zu verstehen, warum dieser Flug so ein großer Einschnitt war, müssen wir kurz ein paar Jahre zurückspulen.

Bis zu diesem besagten Sonntag war ich angestellt im Marketing, zuletzt als Marketing­leitung bei ghd – good hair day, every day. Spannende Marke, mega tolles Team, coole Projekte – und ein Jetsetleben zwischen Stuttgart und London. Klingt nach Traumjob? War es auch. Mein Job stand bei mir ganz selbstverständlich an erster Stelle: Immer höher, schneller, weiter lautete meine Devise. Für ein Privatleben blieb in dieser Rechnung wenig Platz, und ehrlich gesagt habe ich es lange auch gar nicht vermisst.

Trotzdem hat irgendwann etwas gefehlt. Eine leise Leere, eine Sehnsucht, die ich nicht so recht greifen konnte. Ich habe versucht, sie mit Reisen und neuen Hobbys zu füllen – und bin so eines Sommers an der portugiesischen Silberküste gelandet, um Surfen zu lernen. Dort habe ich nicht nur meine Liebe fürs Wellenreiten entdeckt, sondern mich auch in dieses Fleckchen Erde aus Klippen und Atlantik verliebt.

Aus dieser Sehnsucht wurde irgendwann ein konkreter Gedanke: Was bleibt von mir als Person eigentlich übrig, wenn ich den Job aus der Gleichung herausnehme? Um das herauszufinden, wollte ich ein Sabbatical machen, sechs Monate Auszeit in Portugal. Mein Chef fand die Idee gut, konnte mir die Zeit am Ende aber nicht freigeben. Also habe ich am 22. März 2016 meine Kündigung unterschrieben und über den Tisch geschoben. Wie genau es dazu kam – und was eine Maus namens Frederick damit zu tun hat – habe ich hier schon einmal ausführlich erzählt: Wie mich eine Maus an die Atlantikküste gespült hat.

Mein letzter Arbeitstag war, dank jeder Menge Überstunden und Resturlaub, schon Mitte Mai. Und dann hatte ich knapp drei Wochen Zeit, um aus meinem alten Leben auszuziehen.

Der Moment, in dem ich mit mir selbst auf mein Abenteuer anstoße

Diese letzten Wochen vor dem Abflug waren alles andere als entspannt. Ich habe meine komplette Wohnung in Stuttgart West leergeräumt: Sämtliche Möbel inklusive Küche haben über Ebay Kleinanzeigen neue Besitzer:innen gefunden, der Kleinkram wanderte in Kartons. Diese habe ich in der Garage meiner Mutter untergestellt, mit dem Ergebnis, dass sie ihre Garage übrigens die nächsten fünf Jahre nicht nutzen konnte 😅 Erst bei einem späteren Besuch habe ich dort dann endlich Tabula rasa gemacht, weiter Dinge entsorgt und mir den Rest dann in 17 Kartons nach Portugal geschickt.

Ich hatte in meinen Anzeigen auf Kleinanzeigen erwähnt, dass ich ein Sabbatical in Portugal mache und deshalb meine Möbel für kleines Geld abgebe. Kommentar eines Abnehmers beim Abholen darauf: Er fände das voll gut, dass ich, bevor ich ins Berufsleben starte, erst nochmal ins Ausland gehe 😂 Ich habe ihn nur entgeistert angekuckt: „Dude, das war meine dritte Festanstellung, die ich dafür gekündigt habe.“

Zwischen all den Kartons hatte ich auch mit tatkräftiger Unterstützung meiner damals 70-jährige Mutter auch noch die Wohnung renoviert. Und beim Umzug selbst – aus dem fünften Stock (natürlich ohne Aufzug) runter in den großen Sprinter – halfen mir eine liebe Freundin, ihre Teenietochter und deren beste Freundin. Meine letzte Nacht in Stuttgart habe ich dann auf der Couch ebendieser Freundin verbracht, denn meine Wohnungsschlüssel hatte ich in der leeren Wohnung gelassen und die Tür zu meinem alten Leben für immer zugezogen.

Letztes Foto in meiner leeren Wohnung.
Mit meiner Mom vorm Umzugswagen
Ich ziehe die Tür ein letztes Mal zu.

Am Morgen des 29. Mai hat mich dieselbe Freundin zum Stuttgarter Flughafen gebracht. Und weil zu einem echten Abenteuer auch ein bisschen Schabernack gehört: Während ich meine zwei großen Koffer eingecheckt habe, hat sie mit meinem kleinen Rollkoffer und einer Extratasche um die Ecke gewartet, schön außer Sichtweite der Gepäckwaage. Übergepäck wollte ich schließlich nicht noch on top zahlen.

Dann der Moment, auf den all die Wochen zugelaufen waren: Ich steige mit meinem One-Way-Ticket in den Flieger nach Lissabon. Es gibt keinen gebuchten Rückflug, kein festes Datum, zu dem ich zurück und wieder funktionieren muss. Kaum sitze ich auf meinem Platz, kommt mir ein Grinsen, das einfach nicht mehr aus meinem Gesicht verschwinden will. Und als ich um mich herum die ersten portugiesischen Wortfetzen aufschnappe, läuft mein Herz fast über vor Vorfreude. Kein Kloß im Hals, keine Panik und auch keine Stimme, die Was machst Du da eigentlich? ruft. Nur dieses warme, breite, fast alberne Glücksgefühl. In diesem Moment über den Wolken bin ich mir so sicher wie selten in meinem Leben: Das hier ist genau richtig.

Was kam nach dem Abflug?

Mein Plan klang ordentlich und vernünftig, zumindest auf dem Papier. Erst wollte ich für vier Wochen gemeinsam mit einer Freundin, die ich dort kennengelernt hatte und die ebenfalls ein Sabbatical plante, zum Wellenreiten in jenes kleine Fischerdorf, in dem ich zwei Jahre zuvor das Surfen gelernt hatte. Von dort aus wollten wir dann eine Wohnung in Lissabon suchen.

Es kam, wie es kommen musste: Anders. Nach zwei Wochen haben wir unseren Aufenthalt erst einmal bis Mitte August verlängert und uns in der Hochsaison die Finger nach einem bezahlbaren Zimmer wund gesucht. Dann hieß es: Bleiben bis Ende Oktober, immerhin machte die World Surf League vor Ort Station. Und dann eben doch bis nach Neujahr, weil wer will sich schon den Stress im Weihnachtstrubel antun?

Mein Reisegepäck
Mit meinem Surfboard
YEAH trifft es genau.

In dieser Zeit habe ich bewusst „The simple Life gewählt“ und sämtliche Kosten wie Reisen gestrichen, um Geld zu sparen, damit ich möglichst lange bleiben konnte. So habe ich mein erstes Weihnachten auch allein in Portugal verbracht, während meine Mitbewohnerin bei ihrer Familie in Frankreich war. Dazu hatte ich mir extra Lebkuchen und Plätzchen aus Deutschland schicken lassen, nur um kurz darauf festzustellen, dass es die zur Weihnachtszeit längst bei Lidl und Aldi um die Ecke gibt.

Anfang 2017 ist meine Mitbewohnerin allein nach Lissabon gezogen und ich bin im Fischerdorf geblieben. Denn die Großstadt, ursprünglich mein eigentliches Ziel, fühlte sich plötzlich zu laut, zu hektisch und vor allem zu nah an meinem alten Leben an. Die leeren Strände, die Ruhe im Winter, die herzliche Art der Locals: Das war es, was ich nicht mehr hergeben wollte. Also bin ich geblieben, erst für vier Wochen in der ausgebauten Garage eines Freundes, dann ab Februar in einer WG mit zwei deutschen Mädels. Eine davon hatte ich beim Weihnachtsessen kennengelernt, als sie mir im Restaurant gegenübersaß und erzählte, dass in ihrer WG bald ein Zimmer frei wird.

Beim Mittelalterfestival
Das Leben genießen
Deutsche Weihnachtstradition.

Aus sechs Monaten Auszeit wurde so Stück für Stück ein neues Leben. Eines, das ich nie geplant, aber irgend­wann auch nicht mehr in Frage gestellt habe. Wie aus dem Sabbatical dann meine Selbstständigkeit und mein Webdesignbusiness entstanden sind, ist eine eigene Geschichte für sich. Die kannst Du hier nachlesen: 2016 bis 2026: Tausche Karriereleiter gegen Selbstbestimmung.

Wie sich dieser eine Flug bis heute auf mein Leben auswirkt

Wenn ich heute, fast zehn Jahre später, an dieses Sektfläschchen über den Wolken denke, dann immer noch mit genau demselben Grinsen.

Aus den geplanten sechs Monaten ist ein ganzes neues Leben geworden. Ich bin also nie wieder in mein altes Leben zurückgezogen. Heute arbeite ich selbstständig, gestalte Websites für andere Selbstständige und lebe am Meer, also genau dort, wo ich mich damals direkt so richtig zu Hause gefühlt habe. Und kurze Zeit später habe ich in Portugal außerdem den Menschen kennengelernt, mit dem ich heute mein Leben teile. Auch das hätte es ohne diesen Flug nie gegeben.

Offiziell angemeldet
Portugiesisch büffeln
Portugiesischer Humor*

*Achtung vor dem Besitzer, der Hund ist angeleint.

Vor allem aber hat sich etwas in meinem Kopf verschoben. Mein Job steht nicht mehr an erster Stelle, sondern an einer von mehreren – neben dem Meer, neben den Menschen, die mir wichtig sind, neben einem Leben, das nicht nur aus höher, schneller, weiter besteht. Die Frage von damals, wer ich eigentlich bin, wenn ich den Job aus der Gleichung herausnehme, habe ich nie final beantwortet. Aber mit Sicherheit mehr als nur mein Job.

Würde ich es wieder tun? Ohne zu zögern. Würde ich etwas anders machen? Höchstens bei den 60 Kartons. Fünf Jahre in der Garage meiner Mutter waren dann vielleicht doch etwas zuviel des Guten 😉 Es war also kein großer, dramatischer Knall, der mein Leben in ein Vorher und ein Nachher eingeteilt hat, sondern einfach ein One-Way-Ticket, ein Piccolo und die Entscheidung, der eigenen Sehnsucht einmal wirklich zu folgen.

Und ich denke, zur Feier meines zehnjährigen Jahrestages hier in Portugal stoße ich heute Abend dann auch mit Sekt an … 😁

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