Ich erkläre Dir die etwas anderen Onlinebegriffe – kurz & humorvoll: Was es mit diesen auf sich hat und warum Du sie kennen solltest.
Ich bin chronisch online und schnappe dort jede Menge Begriffe auf, die im allgemeinen Sprachgebrauch noch nicht unbedingt angekommen sind.
In meiner neuen Rubrik „Britta explains it all“ erkläre ich Dir die Phänomene, über die das Internet gerade spricht, und was Du Dir darunter vorstellen kannst, sollten sie Dir online begegnen 😁
Die etwas anderen Onlinebegriffe im Überblick
Inhalt
Du kannst die Begriffe übrigens nach Alphabet (A bis Z) filtern.
AI Fatigue
KI ist überall. Am Anfang war es spannend, überraschend und nur den Early Adoptern bekannt.
Inzwischen nutzt jeder und Deine Mutter AI und nach dem hundertsten Social Media Post mit „X Prompts, die Dein Leben verändern“ und dem tausendsten gehypten neuen Produktfature „Jetzt mit AI“ denken viele nur noch: „Nicht schon wieder bzw. bitte nicht noch mehr.“
AI Fatigue beschreibt also die Müdigkeit oder Überdrüssigkeit gegenüber KI und KI-Inhalten. Menschen reagieren nicht mehr neugierig, sondern rollen innerlich kolletiv mit den Augen und scrollen weiter. Wir ignorieren solche Beiträge immer mehr und schalten innerlich auf Durchzug – ähnlich wie wir es bei Werbung schon gelernt haben.
Gründe dafür: Zunehmender AI Slop sowie der Glaube, KI wäre die Lösung für alles.
AI Slop
Das Internet hat schon immer viel Müll produziert, aber seitdem alle KI nutzen, hat das eine neue Qualität (haha, eben nicht), eher eine ganz neue Dimension bekommen.
AI Slop bezeichnet Inhalte, die erkennbar durch künstliche Intelligenz generiert wurden, inhaltlich nicht viel Substanz haben und trotzdem überall auftauchen.
Beispiele, die Dir vermutlich schon begegnet sind:
Es ist nicht A — es ist B
- Es geht nicht um Produktivität — es geht um Wirkung.
- Das ist keine Strategie — das ist eine Entscheidung.
- Es ist nicht Scheitern — es ist Lernen.
- Das ist kein Job — das ist eine Berufung.
Warme Worte ohne Inhalt
- „Am Ende des Tages zählt, was wirklich zählt.“
- „Wachstum beginnt dort, wo die Komfortzone endet.“
- „Die besten Entscheidungen triffst Du, wenn Du aufhörst, Entscheidungen zu vermeiden.“
- „Erfolg ist kein Zufall. Er ist eine Haltung.“
Der LinkedIn-Absatzstil (inklusive kurzer Sätze und Absätzen dazwischen)
Ich habe vor drei Jahren alles aufgegeben.
Meinen Job. Meine Sicherheit. Mein Gehalt. ( ← Anm. d. Red. Auch ein Zeichen für AI Slop: Die heilige Dreifaltigkeit: A. B. C.)
Alle haben gesagt, ich bin verrückt.
Heute weiß ich: Sie hatten recht.
Und trotzdem war es die beste Entscheidung meines Lebens.
Hier sind die fünf Lektionen, die ich dabei gelernt habe.
…
Pseudotiefe mit Geviertstrich
- Erfolg — was bedeutet das eigentlich?
- KI verändert alles — oder doch nicht?
- Führung ist kein Titel — es ist eine Entscheidung.
Der Gedankenstrich (auch Halbgeviertstrich genannt) ist ein Standard im Deutschen für Einschübe, Unterbrechungen, Strecken oder Zeitspannen. Dank dem übermäßigen Einsatz in ChatGPT, Claude & Co. ist er inzwischen etwas in Verruf geraten.
Fun Fact: Die KI spuckt in der Regel ein Em Dash (weil so breit wie M), also „—“ (auch Geviertstrich genannt) aus, das ist das Pendant im englischsprachigen Raum. Der Gedankenstrich, also “ – “ (auch Halbgeviertstrich) wird primär im deutschsprachigen Raum genutzt und heißt im Englischen übrigens En Dash (weil so breit wie N).
Ich lasse mir den Gedankenstrich übrigens nicht nehmen und setze ihn nach wie vor sehr gerne ein 😊
Das obligatorische Listenformat mit Substanzproblem
„5 Dinge, die erfolgreiche Menschen jeden Morgen tun:
- Sie stehen früh auf.
- Sie haben eine Routine.
- Sie denken positiv.
- Sie setzen Prioritäten.
- Sie hören nie auf zu lernen.“
Wow, so viel Insights – nicht.
Das lässt sich natürlich beliebig auf weitere Bereiche ausdehnen:
- Chatbots, die Dinge beantworten, die Du gar nicht gefragt hast.
- Künstlich generierte Bilder, die ungewollt ein unangenehmes Gefühl heraufbeschwören oder im typischen AI Comicstil sind. Die Zeiten, in denen Hände sechs Finger hatten und Texte aussahen wie ein Augentest sind aber immerhin vorbei.
- Stock Fotos von zu jugendlichen, zu perfekten Menschen, auch wenn sie einen Artikel über Obdachlosigkeit begleiten.
- Videos, in denen eine monotone KI-Stimme Wikipediaartikel vorliest, unterlegt mit Minecraft-Szenen.
- Produktrezensionen, die das Produkt in den höchsten Tönen loben, ohne ein einziges konkretes Detail zu nennen.
- Kommentare voller generischer Zustimmung: „Toller Beitrag, sehr wertvoll und inspirierend!“
- Websites, die alle beliebig austauschbar sind. Inzwischen im SAAS-Bereich gerne genommen: Dark Mode, eine geometrische Schrift ohne Charakter, viel BlaBla und keine konkreten Aussagen, …
Enshittification
Der Begriff (oft als „Plattformverfall“ übersetzt) stammt vom Autor Cory Doctorow und beschreibt einen Kreislauf, den Du bestimmt kennst: Den systematischen Qualitätsverfall digitaler Dienste und Produkte.
Dieser Verfall erfolgt meist in drei Phasen:
1. Anlocken von Nutzer:innen
Zu Beginn ist ein Dienst hervorragend. Er ist nützlich, oft kostenlos oder extrem günstig, werbefrei und benutzerfreundlich. Das Ziel ist es, Nutzer:innen zu ködern und in ein geschlossenes System zu sperren (sogenannter „Lock-in-Effekt“).
2. Fokus auf Geschäftspartner:innen
Sobald eine Plattform eine kritische Masse an Nutzer:innen erreicht hat und diese möglichst abhängig vom Service sind, ändert das Unternehmen seine Prioritäten. Der Algorithmus oder das Angebot wird so angepasst, dass Geschäftspartner:innen (wie Händler, Werbetreibende, …) stärker zur Kasse gebeten werden.
3. Schröpfen der Nutzer:innen
Schließlich wird der Dienst auch für die Endnutzer:innen immer schlechter. Das Produkt wird mit Werbung vollgestopft, Abomodelle werden erzwungen und Funktionen werden hinter Paywalls versteckt. Zudem wird der Wechsel zu Konkurrenzprodukten durch Plattformgrenzen (z. B. den Verlust von Kontakten oder Daten) extrem schwerfällig gemacht, damit Nutzer:innen den Qualitätsverfall notgedrungen akzeptieren.
Am Ende bleibt eine schlechtere Version des Originals übrig, die vor allem noch eines im Sinn hat: Den eigenen Profit. Erinnert Dich an eine bestimmte Suchmaschine oder einen großem Onlinehandel oder ein bestimmtes sozialen Netzwerk, das früher mal richtig Spaß gemacht hat? Kein Zufall, sondern Paradebeispiele für Enshittification.
Karma Farming
Auf Social Media kann man Posts liken (Facebook, Instagram, …) oder hoch- bzw. auch runtervoten (Reddit). Je mehr Reaktionen ein Beitrag bekommt, desto mehr zeigen die Algorithmen ihn weiteren Nutzer:innen – Engagement wird also direkt mit Reichweite belohnt.
Karma Farming beschreibt die Praxis, dieses System gezielt auszunutzen: Mit Inhalten, die nicht informieren, unterhalten oder weiterhelfen sollen, sondern einzig darauf ausgelegt sind, möglichst viele Likes oder Upvotes einzusammeln.
Warum? Weil Reichweite Vertrauen simuliert. Ein Account mit vielen Follower:innen, hohem Karma oder tausenden Likes wirkt glaubwürdig – unabhängig davon, wie dieser Status zustande gekommen ist. Das macht solche Accounts wertvoll: Als Werbeplattform, als Sprachrohr für politische Botschaften oder schlicht als Ware, die an den Meistbietenden verkauft wird.
Das Rezept ist denkbar simpel. Man nehme ein Foto eines süßen Tieres, ein rührseliges Kindheitsfoto oder einen vermeintlich inspirierenden Spruch, poste ihn in einer möglichst großen Community und warte. Besonders beliebt: Beiträge wie „Wer erinnert sich noch an diese Kindheit?“ mit einem Foto eines alten Kassettenrekorders. Oder das klassische „Teile das, wenn Du auch findest, dass Omas die Besten sind.“ Niemand widerspricht, viele liken oder teilen und der Account wächst.
Inzwischen kommen hier Bots gezielt zum Einsatz. Denn Karma Farming ist längst kein menschliches Hobby mehr: Automatisierte Accounts posten rund um die Uhr dieselben bewährten Inhalte (gerne kontrovers), sammeln Reichweite und Glaubwürdigkeit – und sobald ein Account groß genug ist, wird er an den Meistbietenden verkauft. Was einmal mit Katzenfotos und Nostalgie Posts angefangen hat, wirbt plötzlich für Nahrungsergänzungsmittel, Kryptowährungen oder politische Botschaften.
Mit KI lässt sich das Ganze inzwischen noch effizienter betreiben: Texte, Bilder und Kommentare werden automatisch generiert, Accounts sehen täuschend echt aus und die Plattformen schauen – solange die Engagementzahlen stimmen – gerne weg. Ein schönes Beispiel dafür, wie Enshittification in der Praxis aussieht: Die Plattform profitiert vom Engagement, egal ob es von Menschen oder Maschinen stammt, bis das Vertrauen der echten Nutzer:innen irgendwann so weit erodiert ist, dass sie das Handtuch werfen.
Main Character Syndrome
Das Main Character Syndrome (auf Deutsch etwa: Hauptcharaktersyndrom) ist ein umgangssprachlicher Trendbegriff aus den sozialen Medien,der die Haltung beschreibt, das eigene Leben wie einen Film oder Roman zu betrachten, in dem man selbst der Star ist, während alle anderen Menschen nur als Statisten oder Nebenfiguren (dann oftmals NPC – Non Playable Characters) dienen.
Besonders geprägt haben diesen Begriff Influencer:innen, die das Main Character Syndrom gewissermaßen zum Geschäftsmodell gemacht haben, zum Beispiel wenn im Restaurant gebeten wird, dass alle anderen Gäste kurz ruhig sein sollen, weil gerade ein Reel aufgenommen wird, oder Reisende an öffentlichen Orten Absperrungen errichten, Fremde aus dem Bild bitten oder schlicht so lange herumstehen, bis die Kulisse stimmt – als wäre der Rest der Welt ein Filmset, das gefälligst auf den Einsatz wartet.
Die Botschaft dahinter ist so simpel wie ernüchternd: Mein Content ist wichtiger als Deine Zeit, Dein Erlebnis und Dein persönlicher Raum. Und weil solches Verhalten auf Social Media oft nicht mit Kritik, sondern mit Reichweite belohnt wird, hat es sich leider als Normalität etabliert – zumindest in bestimmten Kreisen.
Non playable Character (NPC)
Ein Begriff aus der Videogameszene, der Figuren, die in der Spielwelt primär als Hintergrundstatisten existieren, beschreibt. Diese wiederholen auf Knopfdruck dieselben Sätze und folgen ansonsten einfach ihrer programmierten Routine, sprich sie sind da, sie bewegen sich, aber wirklich agieren tun sie nicht.
Der NPC ist oftmals das Gegenteil zum Main Character Syndrome: Während der Main Character überzeugt ist, der Mittelpunkt der Welt zu sein, ist der NPC nur ein Teil der Hintergrundkulisse.
Wird online auch gerne als Beleidigung für Menschen genutzt, die keine eigene Meinung haben oder vorhersehbar reagieren – wie ein schlecht programmierter Spielcharakter.
Uncanny Valley
Eigentlich ein Begriff aus der Robotik, beschreibt es das unangenehme Gefühl, das einen beschleicht, wenn etwas fast wie ein Mensch aussieht, aber eben nur fast. Das Gehirn registriert dabei: Irgendwas stimmt hier nicht.
Heute taucht das Phänomen überall auf, wo KI menschliche Gesichter, Stimmen oder Bewegungen imitiert – nah genug dran, um uns kurz zu täuschen, aber doch gerade weit genug daneben, um gleichzeitig ein unangenehmes Bauchgefühl auszulösen.
Uncanny Valley (auf Deutsch etwa: „Tal der Unheimlichkeit“) begegnet uns inzwischen ständig: Bei KI-generierten Bildern, virtuellen Influencer:innen, synthetischen Stimmen oder Videos, bei denen Du denkst: „Irgendwas stimmt hier nicht … aber ich kann nicht sagen, was.“
Eine gängige Erklärung ist, dass unser Gehirn subtile Unterschiede erkennt und sie als potenzielle Gefahr interpretiert – vielleicht, weil solche fast-menschlichen Gestalten an Krankheiten, Untote oder andere Bedrohungen erinnern.
Kurz gesagt: Je menschenähnlicher etwas wird, desto sympathischer finden wir es – bis zu dem Punkt, an dem kleine Unstimmigkeiten wie eine zu starre Mimik, unnatürliche Bewegungen oder leichte Asymmetrien plötzlich unangenehm oder sogar unheimlich wirken.
Social Engineering
Im Bereich Cybersicherheit beschreibt Social Engineering keine technischen Angriffe auf Systeme, sondern die gezielte Manipulation von Menschen. Denn das schwächste Glied in der Sicherheitskette ist meistens nicht die Software, sondern der Mensch dahinter.
Statt aufwendig eine Firewall zu überwinden, reicht es oft, eine überzeugende eMail zu schreiben, die vorgibt, von der IT-Abteilung zu stammen, oder jemanden am Telefon so lange unter Druck zu setzen, bis er sein Passwort herausgibt.
Klassische Methoden sind Phishingmails, fingierte Anrufe von vermeintlichen Bankmitarbeiter:innen oder gefälschte Loginseiten, die täuschend echt aussehen.
Karma Farming kann hier ein klassisches Werkzeug des Social Engineering sein: Ein Account, der über Monate harmlose Nostalgie Posts und Katzenfotos geteilt hat, wirkt vertrauenswürdig – und genau das wird ausgenutzt. Plötzlich erscheint in Deinem Feed ein dringender Hilferuf, ein Link zu einer „wichtigen“ Seite oder eine Nachricht, die Dich zur Eingabe Deiner Zugangsdaten bewegt. Du klickst, weil Du dem Account vertraust. Und genau darauf war das Ganze von Anfang an ausgelegt.